Schule der Demokratie / Demokratieführerschein
Kommunikative Grundfertigkeiten für die politische Willensbildung – befähigen, nicht erziehen.
1) Sinn und Zweck
1888 machte Bertha Benz ihre legendäre Fahrt mit dem Motorwagen von Mannheim nach Pforzheim. 21 Jahre später, am 3. Mai 1909, war dazu erstmalig ein Kompetenznachweis nötig, der KFZ-Führerschein. In einer praktischen und theoretischen Prüfung müssen wir seitdem unsere Befähigung zum Führen eines KFZ nachweisen. Für den Straßenverkehr leuchtet uns die Sinnhaftigkeit einer Ausbildung zum Führen von Kraftfahrzeugen sofort ein.
Wie sieht es aber aus, wenn wir Bürger nicht nur am Straßenverkehr, sondern auch an politischen Willensbildungsprozessen teilnehmen wollen?
„Wir wollen mehr Demokratie wagen.“
— Willy Brandt, Regierungserklärung 1969
Auch wir sind davon überzeugt, dass Demokratie mehr Partizipation und Mitwirkung der Bürger benötigt, wenn sie eine Zukunft haben will.
In dem Maße, wie Bürger an der politischen Willensbildung beteiligt werden, benötigen sie, wie im Straßenverkehr, auch kommunikative Fähigkeiten und Kompetenzen. Ferner muss es eine „Straßenverkehrsordnung der Demokratie“ geben:

In der Schule der Demokratie werden Fragen beantwortet wie:
- Nach welchen kommunikativen Regeln wollen wir debattieren, um auf möglichst effiziente Weise möglichst effektive Ergebnisse zu gewinnen? Wer effizient arbeitet, macht die Dinge richtig. Wer effektiv arbeitet, tut die richtigen Dinge. Wer „nur“ unsubstantiierte Meinungen/Wertungen auf Social-Media-Plattformen oder in Talkshows äußert, erfüllt keine dieser beiden Definitionen.
- Wo verlaufen die Grenzen des demokratischen Pluralismus? Die Basis jeder Wissensgesellschaft ist der diskriminierungsfreie Wettbewerb der Argumente. Toleranz und demokratische Freiheitsrechte wie Meinungsfreiheit, Zensurfreiheit, Versammlungsfreiheit, Rede- und Demonstrationsfreiheit sind dabei wichtige Werte jeder Demokratie. Sie können aber nicht uneingeschränkt gelten, wenn es gilt, demokratische Freiheitsrechte gegen jene zu verteidigen, die statt Freiheit neoautoritäre bzw. neotheokratische Systeme etablieren und die freiheitlich-demokratische Grundordnung insgesamt abschaffen wollen.
- Wie begegnen wir dem Spagat zwischen sachlich-fachlicher Kompetenz und demokratisch-politischem Mehrheitswillen? Was zur Erreichung eines politischen Ziels sinnvoll erscheint, muss deswegen noch lange nicht populär sein. Haben politische Repräsentanten also „nur“ den Auftrag, einen Wählerwillen umzusetzen, oder auch das Recht, den Souverän zu seinem vermeintlich „eigenen Wohl“ erziehen zu dürfen? Sei es durch Nudging oder auch harte Ver- und Gebote? Eine wichtige Frage, die aber auch die Sprengkraft besitzt, in politischen Debatten zu polarisieren.
Damit aus Bürgern mit einem Wahlrecht auch kompetente Demokraten werden können, muss eine Gesellschaft sie auch zur Teilnahme an demokratischen Willensbildungsprozessen befähigen. Wir setzen uns daher für die Etablierung einer Schule der Demokratie mit dem Abschluss "Demokratie-Führerschein" ein, um die Effektivität demokratischer Mitwirkung sicherzustellen. Diese Schule darf nicht zu einer bestimmten politischen Haltung erziehen. Im Gegenteil, es geht darum, die richtigen Fragen stellen zu können und seine Argumente und Kritik möglichst konstruktiv in die Debatte einzubringen.
2) Inhalte
Die Schule der Demokratie mit dem Abschluss "Demokratieführerschein" soll befähigen, keinesfalls aber zu einer bestimmten politischen Haltung erziehen. Folgende Fragen und Themen werden in der Ausbildung behandelt:
1 Was ist Demokratie?
Was ganz genau verstehen wir unter dem Begriff Demokratie?
2 Ziel / Sinn von Demokratie
Warum wollen wir in einer Demokratie leben? Welche Vorteile bieten Demokratien?
3 Geschichte der Demokratie
Die kurze Geschichte der Demokratie und ihre verschiedenen Formen bis heute.
4 Rolle der Repräsentanten
Rechte und Pflichten von Volk und politischen Repräsentanten.
5 Bedrohungen der Demokratie
Gefahren, die Demokratien bedrohen – Demokratie erhält sich nicht von allein.
6 Gesellschaftlicher Wertekanon
Gemeinsame Identität als Basis für gesellschaftlichen Zusammenhalt.
7 Grenzen von Solidarität & Toleranz
Toleranzparadoxon (Popper) und Solidaritätsparadoxon.
8 Wahrnehmung der Welt
Sinnliche Wahrnehmung vs. individuelle Bewertung trennen.
9 Effektive Lösungsfindungsprozesse
Komplexität beherrschen und Wissen vernetzen.
10 Kommunikationsprinzipien
Der wichtigste Ausbildungsteil: Zwölf Prinzipien für konstruktive demokratische Mitwirkung.
Die 12 kommunikativen Prinzipien
Kommunikative Prinzipien sind eines der wichtigsten Themen des Demokratieführerscheins. Hier wird der Teilnehmer befähigt, konstruktiv an demokratischen Willensbildungsprozessen teilzunehmen. Insgesamt werden 12 Prinzipien geschult:
1. Erst verstehen, dann verstanden werden
Zuhören, positive Absicht unterstellen, Vertrauen schaffen – Grundlage für Kritik und Überdenken der eigenen Position. (nach Stephen R. Covey)
2. Argumente statt Meinungen
Meinungen sind subjektiv. Gewünscht sind Argumente, die Wirkung und Folgen von Maßnahmen besser abschätzen lassen.
3. Zielgerichtetheit
Erst mit Blick auf ein klar beschriebenes Ziel lässt sich die Güte einer Idee oder eines Lösungsweges bewerten.
4. Perspektiven-Vollständigkeit
Alle relevanten Voraussetzungen und Wirkungen berücksichtigen: technisch, ökonomisch, zeitlich, juristisch, ethisch, geopolitisch u. a.
5. Konstruktivität
Ideen und Kritik so formulieren, dass sie zu Wissens- oder Erkenntnisgewinn beitragen – auch als Warnung.
6. Transparenz
Beiträge bleiben veröffentlicht. Keine Löschungen oder Shadow-Bans; bei Verstößen Nachbesserung statt Unsichtbarkeit.
7. Klarheit und Strukturiertheit
Prozessschritte, Rechte, Pflichten und Zeitrahmen sind allen Teilnehmern bekannt.
8. Radikale Ehrlichkeit
Eine Gesellschaft, die radikal ehrlich und offen ihre Probleme angeht, wird denklogisch effektiver mit Blick auf die angestrebten Ziele sein als eine Gesellschaft, die ihre Probleme verdrängt oder es aus vermeintlich „moralischen“ Gründen vermeidet, diese zu thematisieren.
9. Respekt und Humanität
Sachlich kritisieren, Personen nicht diskreditieren. Respekt, besonders bei abweichenden Weltbildern. Toleranz findet Grenzen bei Angriffen auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung.
10. Kein What-Aboutismus
Keine Ablenkung durch Verweis auf andere Missstände – das lenkt vom Ziel ab.
11. Keine Ad-hominem-Argumente
Angriffe auf Personen statt auf Argumente sind unzulässig. Wahrheitsgehalt gilt unabhängig von der Person.
12. Kein Parteien- bzw. Lagerdenken
Gute Ideen können aus jedem Lager kommen. Identitätspolitische Bewertung behindert gesamtgesellschaftliche Lösungen.
3) Wozu soll der Demokratieführerschein berechtigen?
Der Demokratieführerschein steht jedem offen. Jeder, der die Ausbildung absolviert und die hier erworbenen Kenntnisse nachgewiesen hat, darf die LUFAS-Software nutzen. Mittels LUFAS können Organisationen und Gesellschaften jeder Größe an der Lösung gesellschaftspolitischer Probleme mitwirken und mitentscheiden.
4) Was versprechen wir uns von der Schule der Demokratie / dem Demokratieführerschein?
"Jeder Idiot kann eine Meinung haben. Eine Meinung ist aber stets nur so gut wie die Güte der Argumente, die zu ihr führen."
Wenn wir effektiver kommunizieren können, werden wir auch zu effektiveren Ergebnissen gelangen. Um funktionierende Lösungen mit möglichst geringen „Nebenwirkungen“ bzw. unerwünschten gesellschaftlichen Kosten erarbeiten zu können, ist es notwendig, das Wissen und die Erfahrung vieler Menschen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen zu vernetzen. Denn politische Maßnahmen und Projekte müssen aus ALLEN Perspektiven funktionieren, wenn am Schluss das beabsichtigte Ziel damit erreicht werden soll. Dazu benötigen wir effektive kommunikative Instrumente wie LUFAS und Menschen, die die hier geltenden kommunikativen Spielregeln beherrschen.
Unsere gesellschaftspolitischen Probleme sind gewaltig. Zielführende Lösungen müssen schnell und effizient erarbeitet werden können. Vor allem: Sie müssen funktionieren, damit wir die größten Bedrohungen unserer Welt meistern können:
- Kriegsgefahr
- Globaler Ressourcenverbrauch
- abnehmendes Bildungsniveau
- Umweltverschmutzung
- Armut, Unterernährung und Versorgung mit Trinkwasser
- Überbürokratisierung
- Zunehmende Einkommens- und Vermögensunterschiede
- Spaltung und Polarisierung von Gesellschaften
- abnehmender Wohnungsbau
- Sozialstaat und Altersvorsorge
- zunehmende Klimaerwärmung
- und viele Aufgaben mehr
Als Menschheit können wir uns falsche Heilsversprechen und ideologische Illusionen nicht länger leisten. Die Kosten eines Scheiterns sind – angesichts der unkalkulierbaren Gefahren, wie sie zum Beispiel aus Atomwaffen oder KI erwachsen – einfach zu groß.
Aber auch „im Kleinen“ sind effektive Lösungen gefragt: In Schulen, Vereinen, Verbänden, Unternehmen, Kommunen und vielen anderen Gesellschaften, in denen Menschen gemeinsame Ziele verfolgen.
