Demokratieführerschein

Der Demokratie - Führerschein

1) Sinn und Zweck

1888 machte Bertha Benz ihre legendäre Fahrt mit dem Motorwagen von Mannheim nach Pforzheim. 21 Jahre später, am 3. Mai 1909 war dazu erstmalig ein Kompetenznachweis nötig, der KFZ-Führerschein. In einer praktischen und theoretischen Prüfung müssen wir seitdem unsere Befähigung zum Führen eines KFZ nachweisen. Für den Straßenverkehr leuchtet uns die Sinnhaftigkeit einer Ausbildung zum Führen von Kraftfahrzeugen sofort ein.

Wie sieht es aber aus, wenn wir Bürger nicht nur am Straßenverkehr, sondern auch an politischen Willensbildungsprozessen teilnehmen wollen?

Willy Brand

Zu seinem Amtsantritt als erster SPD-Bundeskanzler brachte Willy Brand 1969 seine Regierungserklärung mit den Worten „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ auf den Punkt.

Auch wir sind davon überzeugt, dass Demokratie mehr Partizipation und Mitwirkung der Bürger benötigt, wenn sie eine Zukunft haben will. In dem Maße, wie Bürger an der politischen Willensbildung beteiligt werden, benötigen sie, wie im Straßenverkehr, auch kommunikative Fähigkeiten und Kompetenzen. Ferner muss es eine „Straßenverkehrsordnung der Demokratie“ geben:

  • Nach welchen kommunikativen Regeln wollen wir debattieren, um auf möglichst effiziente Weise möglichst effektive Ergebnisse zu gewinnen? Wer effizient arbeitet, macht die Dinge richtig. Wer effektiv arbeitet, tut die richtigen Dinge. Wer „nur“ unsubstantiierte Meinungen/Wertungen auf Social-Media-Plattformen oder in Talkshows äußert, erfüllt keine dieser beiden Definitionen.
  • Wo verlaufen die Grenzen des demokratischen Pluralismus? Die Basis jeder Wissensgesellschaft ist der diskriminierungsfreie Wettbewerb der Argumente. Toleranz und demokratische Freiheitsrechte wie Meinungsfreiheit, Zensurfreiheit, Versammlungsfreiheit, Rede- und Demonstrationsfreiheit sind dabei wichtige Werte jeder Demokratie. Sie können aber nicht uneingeschränkt gelten, wenn es gilt, demokratische Freiheitsrechte gegen jene zu verteidigen, die statt Freiheit neoautoritäre bzw. neotheokratische Systeme etablieren und die freiheitlich-demokratische Grundordnung insgesamt abschaffen wollen. 
  • Wie begegnen wir dem Spagat zwischen sachlicher-fachlicher-Kompetenz und demokratisch-politischem Mehrheitswillen? Was zur Erreichung eines politischen Ziels sinnvoll erscheint, muss deswegen noch lange nicht populär sein. Haben politische Repräsentanten also „nur“ den Auftrag, einen Wählerwillen umzusetzen, oder auch das Recht, den Souverän zu seinem vermeintlich „eigenen Wohl“ erziehen zu dürfen? Sei es durch Nudging oder auch harte Ver- und Gebote? Eine wichtige Frage, die aber auch die Sprengkraft besitzt, in politischen Debatten zu polarisieren.

Damit aus Bürgern mit einem Wahlrecht auch kompetente Demokraten werden können, muss eine Gesellschaft sie auch zur Teilnahme an demokratischen Willensbildungsprozessen befähigen. Wir setzen uns daher für die Etablierung eines Demokratie-Führerscheins ein, um die Effektivität demokratischer Mitwirkung sicherzustellen. Dieser Führerschein darf nicht zu einer bestimmten politischen Haltung erziehen. Im Gegenteil, es geht darum, die richtigen Fragen stellen zu können und seine Argumente und Kritik möglichst konstruktiv in die Debatte einzubringen.

2) Inhalte des Demokratieführerscheins

Der Demokratieführerschein soll befähigen, keinesfalls aber zu einer bestimmten politischen Haltung erziehen. Folgende Fragen und Themen werden in der Ausbildung behandelt: 

Was ganz genau verstehen wir unter dem Begriff Demokratie? 

Warum wollen wir eigentlich so gern in einer Demokratie leben? Welche Vorteile genau bieten Demokratien im Vergleich mit anderen Regierungs- und Gesellschaftssystemen?

Die kurze Geschichte der Demokratie und ihre verschiedenen Formen bis heute. 

Welche Rechte und Pflichten haben das Volk als Souverän und welche die Vertreter bzw. politischen Repräsentanten des Volkes?

Demokratie ist weder selbstverständlich noch erhält sie sich von allein. Hier werden die verschiedenen Gefahren thematisiert, die Demokratien bedrohen.

Ein gemeinsamer Wertekanon bildet die Basis für jede Gesellschaft und schafft Identität. Das gilt für die Mitglieder und Fans eines Fußballvereins, eine Kirchengemeinde genauso wie für Staaten. Ohne diese gemeinsame Identität werden sich die Mitglieder einer Gesellschaft nicht mehr für sie engagieren, die Gesellschaft zerbricht. 

Karl Popper formulierte 1945 das sogenannten Toleranzparadoxon: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“

Ein ähnliches Prinzip gilt auch für Solidarität. Dieses Prinzip wird jedem Passagier bei einer Flugreise verdeutlicht: „Legen Sie bei Druckabfall zuerst Ihre eigene Sauerstoffmaske an, bevor Sie anderen helfen.“ Der Grund ist einfach – wer selbst ohnmächtig wird, kann niemandem mehr helfen. Genauso muss eine Gesellschaft zunächst stets ihre eigene Stabilität sichern, damit sie Solidarität nach außen tragen kann.

Damit haben viele Menschen ein gedankliches Problem. Solidarität und Toleranz sind ihnen wichtige, zum Teil identitätsstiftende Werte. Solidarische und tolerante Menschen gelten ihnen als – etwas pathetisch formuliert – „edel und gut“. Wer besonders solidarisch und tolerant ist, muss also auch besonders „edel und gut“ sein. Genau hier liegt der Widerspruch, bzw. das gedankliche Paradoxon. Denn ein Übermaß oder gar uneingeschränkte Solidarität und Toleranz sind das exakte Gegenteil von „edel und gut“, denn sie wirken zersetzend und zerstörerisch auf Gesellschaften. Sie erodieren den gemeinsamen gesellschaftlichen Wertekanon, die gesellschaftliche Identität, die gesellschaftliche Allmende und damit auch die Fähigkeit zur Solidarität. Die berühmte Feststellung von Paracelus aus dem Jahr 1538 gilt auch hier: „Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“

Wir alle nehmen unsere Welt durch unsere fünf Sinne wahr. Im Gehirn erstellen wir uns, auf Basis unserer individuellen Erfahrungen, unser ganz individuelles Bild der Welt. Persönliche Erlebnisse, Prägungen durch Kultur, Eltern, Schule und vieles mehr formen dieses Weltbild. 

Die Kenntnis über

  1. sinnliche Wahrnehmung un, davon getrennt
  2. unsere individuelle Bewertung davon

kann zu einem tiefen Verständnis für das Weltbild unserer Mitbürger beitragen. Dazu ein triviales Beispiel: Selbst Menschen mit gänzlich unterschiedlichen Ansichten können sich recht leicht auf die Feststellung einigen, ob es an einem Ort gerade regnet oder die Sonne scheint. Denn es handelt sich um ein sinnlich wahrnehmbares Ereignis. Die Bewertung allerdings, ob Regen oder Sonnenschein „besser“ oder „schlechter“ sind, hängt vermutlich stark davon ab, ob Sie eine Gartenparty geben möchten, oder als Landwirt Ihre Ernte verdorren sehen. 

Politischer Streit um bloße Bewertungen ist daher gefährlich, wenn die Menschen die zugrunde liegenden Tatsachen (sinnliche Wahrnehmungen), Ziele und Motive nicht kennen.

Für politische Fragestellungen und Entscheidungen bedeutet das, zunächst

  • die Fakten (Ursachen und Symptome der Probleme auf Basis sinnlicher Wahrnehmungen) genau zu kennen und zweitens
  • Klarheit und Einigkeit über das angestrebte Ziel (Party geben oder Pflanzen wässern) haben. Nur wenn beide Bedingungen erfüllt sind, ist eine rationale Beurteilung von politischen Maßnahmen möglich.

In politischen Alltag, also in Debatten im Bundes- oder Landtag, in Talkshows oder Social-Media-Debatten geht diese wichtige Unterscheidung oft verloren. Es werden Bewertungen nicht mehr auf Basis von Fakten, sondern auf Basis von Bewertungen Dritter gemacht. „Wenn diese oder jene Instanz sagt, ein Sache sei gut oder schlecht, wird es schon stimmen„. Diese Haltung ist natürlich bequem, aber für Demokratien sehr gefährlich. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Wenn sich der Landwirt nur auf die Bewertung des Partyfreundes zur sonnigen Wetterlage verlässt, wird seine Ernte vermutlich in diesem Jahr ausfallen. Im Zusammhang mit der Glaub- und Vertrausnwürdigkeit von Autoritäten sollten wir auch bedenken: 

  • Politikern geht es manchmal auch um Mehrheiten, und nicht nur um Wahrheiten;
  • Wissenschaftler kennen gar keine Wahrheiten, sondern ausschließlich Arbeitshypothesen und Wahrscheinlichkeiten. Selbst das, was wir als Naturgesetze bezeichnen, ist nicht „wahr“, sondern tatsächlich nur eine Theorie. Newtons Theorie der Gravitation als Kraft galt beispielsweise nur bis Einstein mit der durch Masse gestauchten Raumzeit eine bessere Theorie aufstellte. 

Weiterhin ist auf Basis von reinen Bewertungen kein Erkenntnisgewinn möglich.

Politische Maßnahmen sind nur dann sinnvoll bzw. effektiv, wenn sie schlussendlich auch die beabsichtigte Wirkung entfalten. Das zu gewährleisten, wird aber immer schwieriger.  Während man noch vor fünfhundert Jahren lediglich eine Handvoll Studiengänge absolvieren konnte, sind es heute über 22.000. Wir wissen also immer mehr über immer weniger. Um die Konsequenzen und Kosten von gesellschaftspolitischen Entscheidungen besser und umfassender mit Blick auf das beabsichtigte Ziel abschätzen zu können, ist es notwendig, das Wissen unterschiedlicher Fakultäten zu vernetzen. Als Beispiel sei die Energiewende genannt. Sie verfolgt das Ziel, die globalen anthropologischen CO₂-Emissionen zu reduzieren, um die Erderwärmung zu begrenzen. Der Ausbau erneuerbarer Energien reduziert aber nur die nationalen, nicht den globalen CO2-Ausstoß. Denn zum Beispiel die Nachfragereduzierung in einigen Industrieländern nach Öl, Gas und Kohle senkte  lediglich die Weltmarktpreise für fossile Brennstoffe. Dann können sich andere Länder mehr davon leisten und sie werden dort verbrannt. Tatsächlich sind seit Beginn der Energiewende vor ca. 30 Jahren die globalen CO₂-Emissionen nicht gesunken, sondern um rund 65 % gestiegen! (Quelle). Die Energiewende in der EU läuft seit über 30 Jahren und hat bisher vermutlich mehrere Billionen Euro Steuergeld gekostet. Wie kann es also passieren, dass selbst solche wichtigen Ziele durch politische Maßnahmen in diesem Ausmaß verfehlt werden?

Die Antwort liegt in exponentiell steigender Komplexität. Staatliche Gesellschaften im 21. Jahrhundert werden laufend komplexer. Komplexität bedeutet, dass nicht eine, sondern viele Ursachen zu einer Wirkung führen, die wiederum viele Folgeerscheinungen nach sich zieht. Stellen Sie sich Komplexität wie ein gigantisches Spinnennetz vor, bei dem jeder Knotenpunkt mit unzähligen anderen verbunden ist. Ändert man die Position eines Knotens, hat das Veränderungen an vielen anderen Stellen zur Folge. Diese exponentiell zunehmende Komplexität macht die Folgewirkungen von gesellschaftspolitischen Entscheidungen immer schwerer abschätzbar.

Um Strategien zu entwickeln, die auch bei komplexen Sachverhalten eine messbare positive Wirkung mit Blick auf das Ziel entfalten, ist es wichtig, die komplexen Wechselwirkungen umfassend zu erkennen, abzubilden und jede Lösungsidee zuvor auf Kosten und Nutzen zu prüfen. Zweifel an den eigenen Ansichten und auch die Option, sich zu irren, bleiben stets gegeben.

Wir arbeiten an Systemen, die Komplexität beherrschbarer machen und das Wissen von vielen Fakultäten berücksichtigen und vernetzen. 

Kommunikative Prinzipien sind eines der wichtigsten Themen des Demokratieführerscheins. Hier wird der Teilnehmer befähigt, konstruktiv an demokratischen Willensbildungsprozessen teilnehmen zu können. Insgesamt werden 12 Prinzipien geschult:

1. Prinzip: Erst verstehen, dann verstanden werden

Dieses Prinzip geht auf den US-Bestseller-Autor Stephen R. Covey und sein Buch „Die 7 Wege der Effektivität“ zurück.

Eine der wichtigsten Fähigkeiten von kompetenten Demokraten ist es unserer Ansicht nach, zuhören zu können. Wir unterstellen jedem Menschen zunächst eine positive Absicht. Wenn wir aufmerksam zuhören und uns bemühen, ein tiefes Verständnis für seine Sicht auf die Dinge zu entwickeln, kann Vertrauen entstehen. Dieses gegenseitige Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass

  • Kritik an bestimmten Positionen auch angenommen wird, und 
  • die eigene Position ggf. überdacht werden kann.
Demokratie bedeutet, gemeinsam einen verbindenden Wertekanon für die Mitglieder einer Gesellschaft zu entwickeln. Auf Basis dieses Wertekanons werden „die Spielregeln des Zusammenlebens“ gemeinsam bestimmt. Diese urdemokratischen Prozesse sind nur möglich, wenn die Mitglieder einer Gesellschaft bestimmte kommunikative Fähigkeiten beherrschen, insbesondere die Kunst des Zuhörens. 
Das Gegenteil von Demokratie ist die bewusste Ausgrenzung und Diskreditierung von Gesellschaftsmitgliedern auf Basis einer vermeintlich überlegenen Moralität.
 

2. Prinzip: Argumente statt Meinungen

Meinungsäußerungen bzw. Bewertungen sind stets subjektiv, tragen aber zunächst nichts zu einem Erkenntnisprozess bei. Im Gegenteil, die Meinung Dritter soll den aufwendigen Prozess der eigenen Erkenntnisgewinnung ersetzen. „Wenn diese oder jene Autorität dieser Meinung ist, wird es schon stimmen“. Leider irren sich selbst die besten Wissenschaftler und Politiker regelmäßig. Selbst das, was wir als Naturgesetze glauben erkannt zu haben, sind tatsächlich nur Arbeitshypothesen zur Beschreibung der Welt, die regelmäßig angepasst oder verworfen werden.

Etwas überspitzt formuliert:

„Jeder Idiot kann eine Meinung haben. Eine Meinung ist aber stets nur so gut, wie die Güte der Argumente, die zu ihr führen.“

Statt Meinungen sind daher Argumente gewünscht, die dazu beitragen, die Wirkung von bestimmten Maßnahmen besser und umfassender abschätzen zu können.

3. Prinzip: Zielgerichtetheit

Argumente sind stets mit Blick auf ein klar bestimmtes Ziel zu formulieren. Auf einem Schiff wird das sofort deutlich: Um bestimmen zu können, welcher Steuerkurs „der richtige“ ist, muss man zunächst Klarheit darüber haben, ob man nach London oder New York segeln will. Das Gleiche gilt auch in der Politik: Ohne ein klar bestimmtes Ziel sind Bewertungen zur Güte von politischen Maßnahmen nicht möglich. Kommentare und Beiträge, die nichts mit dem Problem, der Zielzustandsbeschreibung oder einem Lösungsweg dahin zu tun haben, sind daher zu unterlassen.

4. Prinzip: Perspektiven-Vollständigkeit

Effektive Lösungen in komplexen Umgebungen erfordern, alle relevanten Voraussetzungen und alle relevanten Wirkungen von Maßnahmen mit Blick auf das angestrebte Ziel bestimmen oder wenigstens abschätzen zu können.  Die Verdichtung dieser Voraussetzungen und Wirkungen zu Perspektiven hilft enorm, die Übersicht zu behalten. Werden wichtige Perspektiven auf ein Problem oder mögliche Lösungsideen unterschlagen, steigt die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns und der Verschwendung von Ressourcen stark an. Wichtige Perspektiven sind oft:

  • Technische Perspektive
  • Ökonomische Perspektive
  • Zeit-Perspektive
  • Ressourcen-Perspektive
  • Juristische Perspektive
  • Ethische Perspektive
  • Geopolitische und geostrategische Perspektive
  • Spieltheoretische Perspektive
  • Berücksichtigung von Nebenwirkungen-Perspektive
  • und ggf. viele weitere

5. Prinzip: Konstruktivität

Ideen, Vorschläge und Kritiken sind konstruktiv zu formulieren. Diese Bedingung ist erfüllt, wenn ein Beitrag zu einem Wissens- oder Erkenntnisgewinn beiträgt. 
Ein Beitrag kann aber auch eine Warnung sein, also ein Hinweis auf ein weiteres Problem oder eine Gefährdung mit Blick auf die Zielerreichung.  

6. Prinzip: Transparenz

Ideen, Vorschläge und Kritiken werden und bleiben veröffentlicht. Es gibt weder Löschungen noch Shadow-Bans von Beiträgen. Falls Beiträge dennoch gegen die hier genannten Prinzipien oder Gesetze verstoßen, wird der Autor über den möglichen Verstoß informiert und um Nachbesserung gebeten. Bis zu diesem Zeitpunkt werden Beiträge lediglich unleserlich, aber nicht unsichtbar gemacht. Diese Nachbesserung kann auch darin bestehen, dass der Verdacht eines Verstoßes als unbegründet aufgezeigt wird. Diese Transparenz schafft Vertrauen in den Prozess und die Akteure.

7. Prinzip: Klarheit und Strukturiertheit

Die Prozessstruktur der Lösungsfindung ist allen Teilnehmern bekannt. Dazu gehört eine klare Beschreibung der einzelnen Prozessschritte, der Rechte und Pflichten der verantwortlich handelnden Personen sowie die Zeitdauern zu jedem Prozessschritt.

8. Prinzip: Radikale Ehrlichkeit

Problemsymptome und -Ursachen sind präzise und ehrlich zu beschreiben. Die euphemistische Verklärung oder Umdeutung von Fehlern, Fehlentwicklungen, Begriffen oder gar die Unterschlagung oder Verleugnung von Erkenntnissen ist zu unterlassen. Erkenntnis geht vor Weltanschauung.

Eine Gesellschaft, die radikal ehrlich und offen ihre Probleme angeht, wird denklogisch effektiver mit Blick auf die angestrebten Ziele sein als eine Gesellschaft, die ihre Probleme verdrängt oder es aus vermeintlich „moralischen“ Gründen vermeidet, diese zu thematisieren.

9. Prinzip: Respekt und Humanität

Beiträge und Kritiken sind ehrlich, aber respektvoll zu formulieren. Mangelhafte oder fehlerhafte Beiträge und Irrtümer sind legitim. Sie zu benennen ist wichtig, das begründet aber keinesfalls die Diskreditierung der Person.

Respekt gewinnt erst an Bedeutung, wenn man Diskurse mit Menschen pflegt, die ein abweichendes Weltbild zum eigenen Weltbild haben. Das „Sich-Einlassen“ auf ein fremdes Weltbild und seine Perspektiven bereichert die eigene Sicht und das eigene Wissen.

Zu unterscheiden ist zwischen Respekt und Toleranz. Toleranz findet ihre Grenze, wenn Positionen vertreten werden, die sich gegen den freiheitlich-demokratischen Wertekern der Gesellschaft richten.

10. Prinzip: Kein What-Aboutismus

What-Aboutismus [Definition], also die Relativierung und Ablenkung von Missständen durch den Verweis auf andere Missstände, ist zu vermeiden, denn er lenkt die Prozessdebatte vom Ziel ab.

11. Prinzip: Keine ad-hominem-Argumente

Kritik und Angriffe, die sich auf Personen statt auf die Sache oder das Argument beziehen, sind unzulässig. Sie sind vielmehr der unredliche Versuch, die Glaubwürdigkeit und Integrität des Gegenübers zu untergraben, statt die inhaltliche Diskussion auf Basis der Argumente zu führen. Sie sind daher kein Argument, sondern vielmehr der Versuch einer Diskreditierung der Person, dahingehend, dass diese Person – ganz gleich, was sie an Argumenten vorbringt – bereits a priori gar nicht recht haben könne. Denn sie sei etwa ein Rassist, ein Linker, ein Rechter, ein Liberaler, ein Grüner, islamophob oder was auch immer. Diese Pseudoargumentation ist alles andere als respektvoll und inhaltlich natürlich – Pardon – „Bullshit“.

Denn Argumente sind entweder wahr oder nicht wahr, aber ihr Wahrheitsgehalt gilt unabhängig von der Person, die sie vorträgt. Ad-hominem-Argumente sind daher untersagt, denn sie

  • lenken von der eigentlichen Diskussion ab und verhindern konstruktive Debatten;
  • können den Diskussionspartner diskreditieren, ohne das eigentliche Argument zu widerlegen;
  • schaffen eine feindselige Atmosphäre, die den Dialog und die Suche nach Erkenntnis behindert.

12. Prinzip: Kein Parteien- bzw. Lagerdenken

Es liegt in der Natur des Menschen, andere nach identitätspolitischen Kriterien bewerten zu wollen.  „Gehört er/sie zu meinem Stamm und teilt er/sie meine Überzeugung?“ Dieses Denken mag zu unserer Primatenzeit einen Überlebensvorteil bedeutet haben und hat sich bis heute in den parteipolitischen Alltag überlebt. Denn insbesondere bei Religionen oder parteipolitischen Themen schwingt diese Frage stets mit. Kaum ein Zeitungsartikel über eine politische Person kommt ohne den Hinweis aus, welche Partei oder Gruppe die Person angehöre oder nahestehe. Bei der Suche nach den gesamtgesellschaftlichen Lösungen ist dieses Lagerdenken aber ineffektiv, weil mit hoher Wahrscheinlichkeit auch einmal Menschen aus „anderen“ Lagern gute oder die besten Ideen haben.

3) Wozu soll der Demokratieführerschein berechtigen?

Der Demokratieführerschein steht jedem offen. Jeder, der die Ausbildung absolviert und die hier erworbenen Kenntnisse nachgewiesen hat, darf die LUFAS Software nutzen. Mittels LUFAS können Organisationen und Gesellschaften jeder Größe an der Lösung gesellschaftspolitischer Probleme mitwirken und mitentscheiden. 

4) Was versprechen wir uns vom Demokratieführerschein?

Wenn wir effektiver kommunizieren können, werden wir auch zu effektiveren Ergebnissen gelangen. Um funktionierende Lösungen mit möglichst geringen „Nebenwirkungen“ bzw. unerwünschten, gesellschaftlichen Kosten erarbeiten zu können, ist es notwendig, das Wissen und die Erfahrung vieler Menschen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen zu vernetzen. Denn politische Maßnahmen und Projekte müssen aus ALLEN Perspektiven funktionieren, wenn am Schluss das beabsichtigte Ziel damit erreicht werden soll. Dazu benötigen wir effektive, kommunikative Instrumente wie LUFAS und Menschen, die die hier geltenden, kommunikativen Spielregeln beherrschen.

Unsere gesellschaftspolitischen Probleme sind gewaltig. Zielführende Lösungen müssen schnell und effizient erarbeitet werden können. Vor allem: Sie müssen funktionieren, damit wir die größten Bedrohungen unserer Welt meistern können:

  • Kriegsgefahr
  • Globaler Ressourcenverbrauch
  • abnehmendes Bildungsniveau
  • Umweltverschmutzung
  • Armut, Unterernährung und Versorgung mit Trinkwasser
  • Überbürokratisierung
  • Zunehmende Einkommens- und Vermögensunterschiede
  • Spaltung und Polarisierung von Gesellschaften
  • abnehmender Wohnungsbau
  • Sozialstaat und Altersvorsorge
  • zunehmende Klimaerwärmung
  • und viele Aufgaben mehr.

Als Menschheit können wir uns falsche Heilsversprechen und ideologische Illusionen nicht länger leisten. Die Kosten eines Scheiterns sind – angesichts der unkalkulierbaren Gefahren, wie sie zum Beispiel aus Atomwaffen oder KI erwachsen – einfach zu groß.

Aber auch „im Kleinen“ sind effektive Lösungen gefragt: In Schulen, Vereinen, Verbänden, Unternehmen, Kommunen und vielen anderen Gesellschaften, in denen Menschen gemeinsame Ziele verfolgen. 

Der Demokratie-Führerschein befähigt dazu, ein effektiver Teil bei der Erarbeitung von funktionierenden Lösungen für gesellschaftspolitische Probleme sein zu können.